Das lang ersehnte Nachfolgemodell für das 9-Euro-Ticket ist beschlossene Sache. Bund und Länder haben sich am Mittwoch final geeinigt: Im kommenden Jahr soll das sogenannte Deutschlandticket eingeführt werden. Für einen monatlichen Festpreis von 49 Euro können Fahrgäste künftig den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) im gesamten Bundesgebiet nutzen. Die Zeiten, in denen man sich an Tarifzonengrenzen den Kopf zerbrechen musste, dürften damit vorbei sein, da überregionale Fahrten nicht nur administrativ einfacher, sondern in vielen Fällen auch spürbar günstiger werden.

Doch die Euphorie wird von kritischen Stimmen begleitet. Ein wesentlicher Aspekt, der das ursprüngliche 9-Euro-Ticket im Sommer so populär gemacht hatte, entfällt bei der neuen Preisgestaltung: die breite soziale Teilhabe. Experten wie ZEIT-ONLINE-Mobilitätsredakteur Sören Götz geben zu bedenken, dass der Preis von 49 Euro für Geringverdiener oder Empfänger von Sozialleistungen oft eine zu hohe Hürde darstellt. Damit droht das Ticket, an der Lebensrealität derer vorbeizugehen, die am dringendsten auf günstige Mobilität angewiesen sind. Ob es ergänzend rabattierte Varianten für Bedürftige geben wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch völlig offen.

Das deutsche „Dienstrad-Wunder“ als Vorbild für Europa

Während beim ÖPNV noch über soziale Abfederung debattiert wird, boomt im Bereich der Individualmobilität ein anderes Modell: das Fahrrad-Leasing. Auf dem „Cycling Industry Summit“ in Brüssel, der Ende letzten Jahres stattfand, rückte Deutschland als Musterbeispiel für eine gelungene Verkehrswende in den Fokus. Vor Branchenführern und Politikern hob der französische EU-Parlamentarier François Kalfon das deutsche Leasing-Konzept hervor, das sich als echter Wachstumsmotor erwiesen hat.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Laut einer Studie der European Cyclists’ Federation (ECF) waren in Deutschland Ende 2024 bereits 2,1 Millionen Leasing-Räder auf den Straßen unterwegs – ein beeindruckendes Wachstum von jährlich 30 Prozent seit 2019. Das Prinzip der Gehaltsumwandlung macht es möglich: Arbeitnehmer finanzieren die monatlichen Leasingraten aus ihrem Bruttogehalt, was die Steuer- und Sozialabgabenlast senkt. Rund 270.000 Unternehmen und öffentliche Einrichtungen nutzen dieses Instrument mittlerweile, um Mitarbeitern einen attraktiven Benefit zu bieten.

Für die Angestellten bedeutet dies oft eine Kostenersparnis von rund 40 Prozent gegenüber dem Direktkauf. Das führt dazu, dass häufiger zu hochwertigen Modellen gegriffen wird; 78 Prozent der geleasten Räder sind E-Bikes. Dies kommt nicht nur dem Komfort zugute, sondern auch der Umwelt, da E-Bikes einen zwölfmal geringeren CO2-Fußabdruck aufweisen als private Pkw. Auch wirtschaftlich ist das Modell ein Erfolg: Es sicherte zuletzt rund 489.000 Arbeitsplätze und generierte einen Umsatz von 3,1 Milliarden Euro für die Anbieter.

Vorsicht bei der Steuerprüfung

Wer das Modell nutzt, sollte jedoch die bürokratischen Feinheiten nicht unterschätzen. Da das Leasing direkten Einfluss auf Lohnsteuer und Sozialabgaben hat, schauen die Finanzbehörden genau hin. Steuerberater mahnen zur lückenlosen Dokumentation, etwa durch Bestätigungen der Arbeitnehmer, dass das Rad tatsächlich für den Arbeitsweg genutzt wird. Fehlerhafte Abläufe können bei einer Betriebsprüfung zu empfindlichen Nachzahlungen führen. Ein positiver Nebeneffekt ist hingegen, dass auch Sicherheitsausrüstung wie Helme oder Reflektoren steuerlich geltend gemacht werden kann.

Hochbetrieb auf dem diplomatischen Parkett

Abseits verkehrspolitischer Weichenstellungen stand Deutschland in dieser Woche auch im Zentrum der internationalen Diplomatie. Im westfälischen Münster versammelten sich die Außenminister der G7-Staaten. Gastgeberin Annalena Baerbock wählte den Ort mit Bedacht: „Frieden durch Recht, dafür steht Münster seit dem Westfälischen Frieden“, betonte die Grünen-Politikerin. Auf der Agenda der Ressortchefs standen drängende globale Krisen, insbesondere die Koordinierung der Winterhilfe für die Ukraine sowie die prekäre Menschenrechtslage im Iran.

Parallel dazu empfing Bundeskanzler Olaf Scholz in Berlin die Staats- und Regierungschefs der sechs Westbalkanstaaten – Serbien, Nordmazedonien, Montenegro, Albanien, Bosnien und Herzegowina sowie den Kosovo – zu einem Gipfeltreffen. Im Beisein von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und EU-Ratspräsident Charles Michel ging es vor allem darum, die regionale Kooperation zu stärken und den angestrebten EU-Beitritt dieser Länder voranzutreiben. Konkret wurde die Unterzeichnung mehrerer Abkommen besiegelt, die die Zusammenarbeit der Balkanstaaten untereinander auf eine neue Basis stellen sollen.

Was bleibt, ist eine Woche der Kontraste: Während in Münster und Berlin an der großen geopolitischen Architektur gearbeitet wurde, entscheidet sich die Mobilität der Zukunft für viele Bürger ganz konkret zwischen einem 49-Euro-Ticket und dem neuen Leasing-E-Bike.