Während in Deutschland das Kapitel der Kernenergie politisch geschlossen scheint, zeichnet sich auf der internationalen Bühne ein gänzlich anderes Bild ab. Die Debatte um die Zukunft der Energieversorgung wird dabei zunehmend durch widersprüchliche Signale geprägt: Ein baldiger deutscher Staatskonzern plant neue Reaktoren in Skandinavien, während Japan trotz des historischen Traumas von Fukushima eine massive Rückkehr zur Atomkraft einleitet.
Brisante Pläne in Schweden: Der Uniper-Widerspruch
In Deutschland hat die Bundesregierung unter Kanzler Olaf Scholz den Weiterbetrieb der letzten drei Atomkraftwerke lediglich bis April 2023 bewilligt – danach soll endgültig Schluss sein. Doch fernab der Bundesrepublik treibt ausgerechnet eine Tochtergesellschaft des Düsseldorfer Energiekonzerns Uniper den Ausbau der Kernkraft voran. Uniper, das infolge ausbleibender russischer Gaslieferungen in eine finanzielle Schieflage geriet und dessen Verstaatlichung durch Wirtschaftsminister Robert Habeck im September angekündigt wurde, visiert in Schweden ein Großprojekt an.
Wie Åsa Carlson, CEO der Tochterfirma Barsebäck, im schwedischen Sender SVT bekannt gab, soll im „Barsebäck Clean Energy Park“ künftig sowohl Atomstrom als auch anderer fossilfreier Strom produziert werden. Diese Nachricht sorgt in Berlin für erheblichen Zündstoff, insbesondere bei der Opposition.
Kritik an „doppelzüngiger“ Energiepolitik
Die Union reagiert mit Unverständnis auf die Diskrepanz zwischen der heimischen Abschaltung und den Ausbauplänen des bald verstaatlichten Konzerns im Ausland. CDU-Vize Carsten Linnemann bezeichnete das Handeln der Bundesregierung gegenüber BILD als „doppelzüngig“. Auch Andreas Jung, energiepolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, fordert Aufklärung von Robert Habeck. Es sei schwer vermittelbar, im eigenen Land funktionierende Meiler vom Netz zu nehmen, während man gleichzeitig als Eigentümer in Schweden neue Kapazitäten schaffe. Die Frage, wie die Ampel-Koalition ihre Vorstellungen von Klimaschutz mit den Beteiligungen von Uniper unter einen Hut bringen will, steht nun im Raum.
Ganz anders ist die Stimmungslage in Stockholm: Die schwedische Energieministerin Ebba Busch begrüßte die schnelle Reaktion des Konzerns auf die Einladung der neuen Mitte-rechts-Regierung. Der geplante Bau eines neuen Meilers in der Provinz Schonen wird dort als wichtiger Schritt zur Energiesicherung gefeiert.
Japans radikale Kehrtwende
Während in Europa über Grundsatzfragen gestritten wird, schafft Japan Fakten. Die Lokalregierung von Niigata stimmte kürzlich für die Wiedereröffnung des weltweit größten Kernkraftwerks: Kashiwazaki-Kariwa. Diese Entscheidung markiert einen symbolträchtigen Wendepunkt in der Energiepolitik des Landes, das nach der Katastrophe von 2011 sämtliche 54 Reaktoren abgeschaltet hatte.
Der Betreiber TEPCO bereitet nun das Wiederhochfahren von Reaktor Nr. 6 für den kommenden Januar vor, was die Energieversorgung Tokios um fast zwei Prozent steigern könnte. Auch für Reaktor Nr. 7 bestehen Pläne zur Wiederinbetriebnahme, vorbehaltlich der behördlichen Genehmigung. Dieser Kurs wird maßgeblich von der neuen Premierministerin Sanae Takaichi vorangetrieben. Angesichts einer Inflation, die teilweise durch die hohen Kosten importierter Energieträger getrieben wird – Japan deckt derzeit 60 bis 70 Prozent seines Bedarfs durch Importe –, setzt Takaichi verstärkt auf heimische Energiequellen.
Versorgungssicherheit und KI als Treiber
Die Motive der japanischen Regierung sind vielschichtig. Neben der Reduzierung von Importkosten und der Einhaltung von Dekarbonisierungszielen spielt auch der steigende Energiebedarf durch technologischen Fortschritt eine Rolle. Nach zwei Jahrzehnten sinkenden Energieverbrauchs wird nun, getrieben durch energieintensive KI-Rechenzentren, wieder ein Anstieg erwartet. Regierungsdaten belegen zudem, dass Regionen mit hohem Atomstromanteil deutlich geringere Energiekosten aufweisen als der Rest des Landes. Analysten wie Go Katayama von Kpler sehen in der Kernkraft zudem eine Möglichkeit, den schleppenden Ausbau von Offshore-Windparks zu kompensieren.
Schatten der Vergangenheit und finanzielle Hürden
Der Weg zurück zur Atomkraft ist jedoch keineswegs unumstritten. Das Vertrauen der Bevölkerung in den Sektor, insbesondere in den Betreiber TEPCO, ist seit der Kernschmelze in Fukushima nachhaltig erschüttert. Rund 300 Bürger protestierten vor dem Rathaus in Niigata gegen die Wiedereröffnung. Darunter befand sich auch Ayako Oga, die vor 14 Jahren aus Fukushima fliehen musste und noch immer unter den psychischen Folgen der Katastrophe leidet. In einem Interview betonte sie die unkalkulierbaren Risiken dieser Technologie.
Neben den gesellschaftlichen Widerständen stellen die enormen Kosten eine weitere Barriere dar. Laut der World Nuclear Association belaufen sich die Kosten für das Wiederhochfahren eines Reaktors, der Sicherheitsupdates benötigt, auf bis zu eine Milliarde US-Dollar – in Japan aufgrund der Erdbebengefahr tendenziell noch mehr. Da zudem rund 14 Gigawatt an bestehenden Kapazitäten bis 2050 ihr technisches Laufzeitende erreichen werden, ist das Land auf den Neubau von Reaktoren angewiesen. Joshua Ngu von Wood Mackenzie beziffert die Kosten für einen neuen Ein-Gigawatt-Reaktor auf rund 7 Milliarden Dollar bei einer Bauzeit von etwa 20 Jahren. Diese langen Vorlaufzeiten ohne jegliche Einnahmen, wie Hideki Masui vom Japanischen Atomindustrie-Forum unterstreicht, machen die Renaissance der Kernkraft zu einem finanziellen und logistischen Kraftakt.